Der Zen Weg - Schule des achtsamen Verstehens

Der Zen Weg - Schule des achtsamen Verstehens

Shinjinmei

Verse über den Glaubensgeist

(von Seng-t´san, Übersetzung von Dr. Günther Endres)

Der höchste WEG ist nicht schwer,
wenn du nur aufhörst zu wählen.
Wo weder Liebe noch Hass,
ist alles offen und klar.
Doch die kleinste Unterscheidung
trennt Himmel und Erde in zwei.
Soll ES sich dir offenbaren,
lass Abneigung wie Vorliebe beiseite.
Der Konflikt zwischen Neigung und Abneigung
ist nichts als eine Krankheit des Geistes.
Verstehst du diese tiefe Wahrheit nicht,
versuchst du vergeblich, deine Gedanken zu beruhigen.

Der WEG ist vollkommen wie die GROSSE LEERE,
ohne Mangel und ohne Überfluss.
Nur wenn du wählst und zurückweist,
geht das SOSEIN verloren.
Jage nicht äußeren Erscheinungen nach,
verharre auch nicht in der Erfahrung der Leerheit.
Bleibe gelassen im EINEN,
und alle Verwirrung verschwindet von selbst.
Stellst du das Tätigsein ein,
um zur Ruhe zurückzukehren,
ist dieses Bemühen auch nur Tätigkeit.
Wie willst du je das EINE erfahren,
wenn du in die Zweiheit verstrickt bleibst?
Wer ins EINE nicht vordringt,
wird auch in den Zweien fehlgehen.
Weist du das Dasein zurück,
verlierst du dich im Dasein.
Folgst du der Leerheit,
wendest du ihr den Rücken zu.

Je mehr Worte und Sorgen dich beherrschen,
desto weiter entfernst du dich von der Wirklichkeit.
Schneide Worte und sorgenvolle Gedanken ab,
und es gibt nichts, was du nicht durchdringst.
Kehrst du zur Wurzel zurück, erfasst du die Wahrheit.
Hängst du den Dingen der Erscheinungswelt nach,
verfehlst du das Wesentliche.
Ein Augenblick innerer Erleuchtung
führt über die anfänglich erfahrene Leerheit hinaus.
Veränderungen in dieser anfänglichen Leerheit
sind nichts anderes als Täuschungen.

Du brauchst nicht nach der Wahrheit zu suchen.
Lass alle deine Meinungen fahren!
Zwiespältigkeit halte nicht fest!
Sei achtsam und folge ihr nicht!
Auch nur eine Spur von „richtig“ und „falsch“,
und der Geist ist in Wirren verloren.

Weil es das EINE gibt, existieren die Zwei;
doch halte auch nicht fest an dem EINEN.
Wenn der Geist der Einheit nicht entsteht,
ist das kein Fehler der zehntausend Dinge.
Wo kein Fehler und kein Ding,
gibt es auch kein Entstehen und keinen Geist.
Das Subjekt vergeht mit dem Objekt.
Das Objekt vergeht mit dem Subjekt.
Das Objekt ist Objekt wegen des Subjekts.
Das Subjekt ist Subjekt wegen des Objekts.
Willst du beide kennen -
sie sind ursprünglich die EINE LEERHEIT.
Die EINE LEERHEIT ist die gleiche in beiden.
In gleicher Weise enthalten sie alle Dinge.
Unterscheidest du nicht zwischen „fein“ und „grob“ -
wie kann es dann Bevorzugung oder Ausschließlichkeit geben?

Der Große WEG ist dem WESEN nach weit,
nicht leicht und nicht schwierig.
Engherzige Ansicht führt zu Argwohn.
Je mehr du eilst, desto länger brauchst du.
Hängst du daran fest,
verlierst du das Heil und gehst unabdingbar in die Irre.
Lass los, und alles fließt von selbst.
In der WESENSNATUR gibt es kein Kommen und kein Gehen.
Folge deiner WAHREN NATUR,
und du wirst EINS mit dem WEG,
gehst ihn gelassen und frei ohne Sorge.

Dem Denken verhaftet zu sein,
hindert das Erkennen der Wahrheit.
Versinken in Dumpfheit führt auch nicht weiter.
Ebenso wenig hilft es, den Geist zu quälen.
Was nützt es schon, für oder gegen etwas zu sein?
Wenn du das „Eine Fahrzeug“ nehmen willst,
hasse nicht die Welt der Sinne und Gedanken.
Wer die Sinnenwelt nicht hasst,
wird EINS mit der Wahren Erleuchtung.

Der Weise handelt absichtslos,
doch die Unwissenden fesseln sich selbst.
Denn obwohl es keinen Unterschied zwischen den Dingen gibt,
verwirren sie sich selbst im Streben nach Äußerem,
wollen den GEIST mit ihrem Geist ergreifen -
ist das nicht ein gewaltiger Fehler?

Ruhe und Unruhe kommen aus der Illusion,
Erleuchtung kennt weder Vorliebe noch Abneigung.
Alle dualistischen Ansichten kommen aus falschen Schlüssen.
Sie sind Träume, leere Blumen und leerer Schein vor deinen Augen.
Warum mühst du dich ab, sie zu fassen?
„Gewinnen“ und „verlieren“, „richtig“ und „falsch“ -
lass sie ein für alle Mal ziehen!

Wenn die Augen nicht schlafen,
hört alles Träumen von selbst auf.
Wenn der Geist nicht unterscheidet,
sind alle Dinge das eine SOSEIN.
Das WESEN dieses einen SOSEINS ist ein Geheimnis:
Unbewegt, erhaben! Alle karmische Bindung ist vergessen.
Siehst du alle Dinge gleich, kehren sie heim zum natürlichen SEIN.
Ursachen verschwinden, und Vergleiche sind nicht mehr möglich.

Bewege dich nicht, und die Bewegung hört auf.
Bringe Bewegung in die Ruhe, und es gibt keine Ruhe.
Wenn beide nicht sind, kann eines dann sein?
Im ABSOLUTEN gibt es keine Regeln.
Der GEIST, im Einklang mit ihm, wird unparteiisch
und hört auf, zu planen und zu streben.
Sind Zweifel und Argwohn ausgeräumt,
bleibt wahrer Glaube beständig und fest.

Cookies?